Geschichten eines Fotomanen
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[fo-to-'maː-ne]

Meine Großmutter wurde 1902 geboren. Ein Jahr später, am 17. Dezember 1903, hob nahe Kitty Hawk in North Carolina ein eigenartiges Fluggerät vom Boden ab. Orville Wrights Flug dauerte zwölf Sekunden. Die Flugstrecke: 37 Meter.

Meine Großmutter wird davon nichts mitbekommen haben. Und auch später dürften die Brüder Wright in ihrem Leben keine besondere Rolle gespielt haben. Sie wuchs in einer Zeit auf, in der ganz andere Dinge wichtig waren. Sie war 16, als der Erste Weltkrieg endete. Am Ende des Zweiten Weltkriegs war sie Witwe und hatte zwei Kinder.

Die großen technischen Fortschritte ihrer Zeit wird sie kaum wahrgenommen haben; bestimmten doch Arbeit, Verzicht und die Sorge um die Familie ihr Leben.

Als ich 1959 geboren wurde, war sie 57 Jahre alt. Wir lebten mit ihr unter einem Dach – drei Generationen in einem Haus. Viel Platz war nicht. Fernsehen gab’s beim Nachbarn, und der Bäcker hatte ein Telefon.

Anfang 1969 zogen wir in ein Reihenhaus. Inzwischen waren wir zu sechst: meine Oma, meine Eltern und wir drei Jungen. Mit dem neuen Haus hielten auch zwei Dinge Einzug, die für uns keineswegs selbstverständlich waren: ein eigenes Telefon und ein eigener Fernseher. Schwarzweiß natürlich.

Mein Vater war begeistert von der Raumfahrt. Er verfolgte das amerikanische Raumfahrtprogramm und fieberte mit bei dem Versuch, noch vor den Sowjets einen Menschen auf den Mond zu bringen.

Im Sommer 1969 dann war ich zehn Jahre alt. Meine Oma war 67.

Mitten in der Nacht fernzusehen, war damals schon für sich genommen etwas Außergewöhnliches. Normalerweise gab es um diese Zeit ohnehin nichts zu sehen. Nach Kinderstunde, Nachrichten und Abendunterhaltung war irgendwann Sendeschluss. Danach kam das Testbild und schließlich nur noch das „Ameisenprogramm“.

Doch in dieser Nacht war alles anders. Meine Eltern weckten die großen Jungs. Und dann saßen wir da und blickten gebannt auf die Mattscheibe. Mit einer Mischung aus Faszination und ehrfürchtigem Staunen verfolgten wir das Geschehen. Gesprochen wurde nicht viel. Zu sehr zog uns das, was wir dort sahen, in seinen Bann.

Was für eine Nacht! Menschen hatten den Mond betreten!

Dieses großartige Ereignis war am nächsten Morgen allüberall das vorherrschende Thema. Natürlich auch in der Schule. Viele meiner Klassenkameraden hatten die Fernsehübertragung ebenfalls mitverfolgen dürfen, und die Begeisterung war unbeschreiblich. Ich kann mich nicht wirklich daran erinnern, ob an diesem Tag überhaupt ein normaler Unterricht stattgefunden hat.

Als meine Oma geboren wurde, hatte noch kein Mensch einen Motorflug erlebt. Ein Jahr später reichten Orville Wright zwölf Sekunden und 37 Meter, um das zu ändern. Als 67-Jährige saß sie mit uns vor einem Schwarzweißfernseher und sah zu, wie Menschen den Mond betraten.

Erst 37 Meter. Und dann bis zum Mond.
In einem Menschenleben.

Heute bin ich 67 Jahre alt.