Geschichten eines Fotomanen
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Alles richtig gemacht!

C'est Bonn!

Als ich Andreas zum ersten Mal begegnete, saß er neben dem großen Fuji-Chef. In dessen imposanten Büro, hinter dem nicht weniger imposanten Schreibtisch. Ich saß auf der anderen Seite und sollte erklären, was mich angetrieben hatte, eigenmächtig an der Kalibrierung einer Durst-Lambda-Belichtungsmaschine herumzuschrauben.

Andreas machte auf mich einen verschmitzt-süffisanten Eindruck.

Dass wir einmal zusammen wohnen würden, wäre mir damals nicht in den Sinn gekommen.

In den folgenden Jahren kreuzten sich unsere beruflichen Wege nur selten. Erst als ich mich selbstständig gemacht hatte, trafen wir uns bisweilen bei gemeinsamen Kunden. Wir pflegten ein kollegiales Verhältnis und verstanden uns – fachlich und menschlich. Eine Freundschaft entwickelte sich daraus zunächst nicht. Jedenfalls nicht so, dass einer von uns heute sagen könnte, wann sie eigentlich begonnen hat.

Das sollte sich Jahre später ändern – in Bonn.

Ich hatte inzwischen eine kleine Fineart-Druckerei aufgebaut, die schließlich in eine gemeinsame Firma mit einer Geschäftspartnerin überging. Die Produktion wurde nach Bonn verlegt, und ich übernahm die technische Geschäftsführung.

Andreas betrieb damals eine eigene Produktion für Fotobücher auf Fineart-Papier. Dafür hatte er eine ziemlich aufwendige Anlage angeschafft, unter anderem mit zwei Epson-Druckern für den beidseitigen Druck sowie Cuttern und Fräsmaschinen. Seine Werkstatt stand zunächst bei ihm zu Hause in Ahrensburg.

Auch ihn überzeugte meine Geschäftspartnerin, die Produktion nach Bonn zu verlegen.

Andreas blieb selbstständiger Unternehmer. Wir waren also keine Kollegen im eigentlichen Sinne, arbeiteten aber am selben Standort.

Und wir hatten dasselbe Problem: Er konnte schlecht jeden Abend nach Ahrensburg fahren, und für mich wurde die tägliche Pendelei zwischen Mönchengladbach und Bonn auf Dauer ebenfalls lästig.

Also beschlossen wir, uns eine Wohnung zu teilen.

Unsere Geschäftspartnerin vermittelte uns eine Unterkunft, deren Vermieter offenbar vor allem Monteure beherbergten. Wir verbrachten dort exakt eine Nacht.

Am nächsten Morgen reichten wir eine förmliche Protestnote ein.

Die hygienischen Verhältnisse im Badezimmer waren derart unerfreulich, dass wir uns einig gewesen waren, lieber unzivilisiert zur Arbeit zu gehen. Zähneputzen, Duschen und sogar Händewaschen hatten wir vorsichtshalber ausfallen lassen.

Ein vielversprechender Anfang.

Noch am selben Tag fanden wir eine andere Wohnung. Wie genau, wissen wir beide nicht mehr. Vermutlich mithilfe der Lokalzeitung.

Sie war klein. Sehr klein. Eher ein Wohnklo mit Schlafdusche. Ich hatte ein kleines Schlafzimmer, Andreas schlief im Wohnzimmer. Aber alles war sauber und ordentlich. Wir hatten keinen Grund zu meckern.

Unser Zusammenleben spielte sich erstaunlich schnell ein.

Weil ich früher aufstand, übernahm ich den Kaffeedienst. Kaffee kochen, duschen, anschließend gemeinsam die erste Tasse trinken.

Gefrühstückt wurde später im Betrieb. Gegen neun Uhr kam der Brötchenwagen, dessen erfreulich abwechslungsreiches Sortiment mir bis heute in Erinnerung geblieben ist.

Auch die abendliche Verpflegung folgte bald einem festen Schema.

Nach Feierabend führte unser Weg meistens erst einmal zum Discounter. Gemeinsam einkaufen. Wie ein altes Ehepaar.

Andreas konnte kochen. Ich eher nicht.

Einer seiner Einfälle wurde zum festen Bestandteil unseres Speiseplans: Graubrot, im Backofen geröstet, mit Dijon-Senf bestrichen und mit altem Gouda überbacken.

Herrlich. Darauf wäre ich Kochbanause allein nie gekommen.

Dazu gab es gern einen barriquegereiften Dornfelder. Den hatten wir bei Lidl entdeckt.

Hin und wieder holten wir uns auch etwas aus der Frittenbude. Aber das blieb die Ausnahme.

Wir saßen abends oft lange zusammen. Natürlich redeten wir gelegentlich über die Arbeit. Zunehmend auch über Schwierigkeiten, die sich dort abzeichneten.

Viel häufiger aber über ganz andere Dinge. Über unsere Familien, unsere Kinder, über das, was uns beschäftigte.

Wir stellten bald fest, dass wir in vieler Hinsicht ähnlich dachten, einen ähnlichen Humor hatten und einander nichts vormachen mussten.

Besonders gern sprachen wir über unsere Kinder, die damals gerade zu jungen Erwachsenen heranwuchsen. Wir waren beide ausgesprochen zufrieden damit, wie sie sich entwickelten.

„Alles richtig gemacht!“

Dieser Satz fiel immer wieder. Und ausnahmsweise war er völlig ernst gemeint. Ohne den sonst bei uns üblichen Flachs.

Gelegentlich sahen wir auch gemeinsam fern. "Monk", "CSI: Miami", "NCIS" – wir mochten dieselben Serien, dieselben Figuren und besonders den oft sehr geschickt eingesetzten musikalischen Hintergrund.

Allerdings war Schweigen beim Fernsehen nicht Teil unserer Vereinbarung.

Nicht selten lieferte irgendeine Szene nur den Anlass für ein Gespräch, bei dem wir uns bald ganz anderen Themen zuwandten. Worum es dabei im Einzelnen ging, wissen wir heute nicht mehr.

Und natürlich wurde auch geflachst. Andreas hatte sich seinen verschmitzt-süffisanten Humor bewahrt. Eher noch ausgebaut.

Unsere Bonner Wohngemeinschaft dauerte allerdings nur ein gutes halbes Jahr.

Im Herbst 2008 waren wir eingezogen. Ende März 2009 war für mich nach erheblichen geschäftlichen Differenzen und einer menschlichen Enttäuschung plötzlich und unerwartet Schluss. Ich schied aus der Firma aus und kehrte nach Mönchengladbach zurück.

Auch Andreas sollte es nicht viel besser ergehen. Kurze Zeit später musste er feststellen, dass die Bonner Firma seine Fineart-Bücher ohne Vorwarnung aus dem Angebot gestrichen hatte. Das war ein herber Schlag, und am Ende blieb ihm nur noch, seine Maschinen zu verkaufen.

Unser berufliches Engagement in Bonn hatte sich erledigt. Unsere WG war Geschichte.

Nicht aber unsere Freundschaft.

Bis heute telefonieren wir regelmäßig. Meistens sprechen wir über unsere Familien, die Gesundheit, den Alltag. Über Modellbau, 3D-Druck und Computerkram. Selten über Fotografie und noch seltener über die alten Zeiten.

Gelegentlich besuchen wir einander. Mal kommt Andreas nach Mönchengladbach, mal fahren wir mit dem Wohnmobil zu ihm nach Hamm.

Erst kürzlich haben wir am Telefon ausnahmsweise wieder ausführlich über unsere gemeinsame Zeit gesprochen. Dabei stellten wir fest, dass wir uns an erstaunlich viele Dinge ganz ähnlich erinnern. Und dass wir sogar dieselben Erinnerungslücken haben.

Einen Satz aus unseren heutigen Telefonaten werde ich jedenfalls nicht vergessen.

Andreas begrüßt mich gern mit einem leicht abgewandelten Zitat aus dem "Bergdoktor":

„Heinzi, mein einziger Freund!“

Meistens antworte ich nur:

„Ach, Andreas …“