Des kippelt!
Wanderlicht.
Mein Umzug aus dem Sauerland ins schwäbische Ostfildern war noch nicht lange her, und ich war noch dabei, meine neue Wirkungsstätte zu erkunden und meinen Platz im Team zu finden.
Eingestellt worden war ich als Fototechniker. Zu meinen Aufgaben gehörten unter anderem die Entwicklung von Diafilmen in einer Hängermaschine, die Überwachung der chemischen Prozesse und das Eintesten fotografischer Materialien. Außerdem wurde ich mit der Anfertigung von Internegativen in die tägliche Produktion eingebunden.
Internegative brauchte man, um von Diapositiven Vergrößerungen auf Colornegativpapier herstellen zu können. Das Eintesten dieses Materials war eine anspruchsvolle Angelegenheit, denn man musste Filterung und Dichte auf den späteren Papierprozess abstimmen. Was es auf jeden Fall zu vermeiden galt, war ein sogenannter kippender Farbstich.
Das bedeutete, dass ein Bild nicht einfach insgesamt zu rot, zu blau oder zu grün war. Vielmehr zeigten helle und dunkle Bildpartien unterschiedliche, oft gegensätzliche Farbstiche. Beispielsweise rötliche Schatten und bläuliche Lichter. Mit einer einfachen Farbfilterkorrektur war einem solchen Fehler nicht beizukommen.
Die Laborleitung teilten sich zwei Kollegen, die unterschiedlicher kaum hätten sein können. Da war zum einen ein älterer Herr, der kurz vor der Pensionierung stand und dessen beinahe väterliche Art mir sehr sympathisch war. Und da war eine resolute Kollegin, die vor allem im Printbereich das Sagen hatte. „Net g'schimpft isch g'lobt g'nug!” Schwäbisch für Anfänger.
Diese Dame pflegte ein bemerkenswertes Ritual.
Wenn ihr ein Papierbild vorgelegt wurde, dessen Farbstich sich nicht ausfiltern ließ, ließ sie sich das zugehörige Negativ reichen. Das hielt sie dann am ausgestreckten Arm gegen die Deckenbeleuchtung, betrachtete es einen Moment lang und verkündete mit bedeutungsschwerer Miene:
„Des kippelt!“
Dafür reichte mein Schwäbisch schon. Ich war beeindruckt. Und einigermaßen ratlos.
Wer schon einmal ein Farbnegativ gesehen hat, wird verstehen, warum.
Nicht nur sind die Helligkeitsverhältnisse umgekehrt: Was im fertigen Bild dunkel ist, erscheint im Negativ hell und umgekehrt. Auch die Farben sind komplementär. Will heißen: Aus Rot wird Cyan, aus Blau Gelb, aus Grün Magenta. Und als wäre das nicht schon verwirrend genug, besitzt ein Farbnegativ auch noch eine kräftige orangefarbene Maskierung.
Ich kann mir bis heute kaum vorstellen, wie ein fertiges Papierbild aussehen wird, wenn ich lediglich das Negativ gegen das Licht halte.
Und daran auch noch einen kippenden Farbstich erkennen?
Im Leben nicht!
Für mich war das entweder pure Magie, eine übersinnliche Fähigkeit oder aber schiere Theatralik.
Nun war mein Vertrauen in hochwertige Messtechnik schon damals bedeutend größer als das in meine seherischen Fähigkeiten, und so kam mir ein Gedanke.
Zwischenzeitlich hatte ein Teil meiner Dunkelkammergerätschaften den Weg aus dem elterlichen Keller ins Schwabenland gefunden – darunter mein Color-Vergrößerer und ein ColorAnalyzer, den mir damals mein Patenonkel geschenkt hatte. Das war ein wirklich hochwertiges Gerät mit einer Photomultiplier-Röhre. Kein billiges Amateurspielzeug. Mein ganzer Stolz.
Mit diesem Messgerät ließ sich das Licht eines Vergrößerers hinsichtlich seiner Helligkeit und Farbzusammensetzung beurteilen.
Der Fotoingenieur in mir begann zu grübeln: Ließe sich diese Messtechnik vielleicht auch im professionellen Labor sinnvoll einsetzen?
Nach Rücksprache mit dem Juniorchef und der Laborleitung durfte ich einige Blätter Internegativmaterial mit nach Hause nehmen, um darauf eigene Dias zu belichten.
Meine Idee war recht einfach.
Zunächst kalibrierte ich den ColorAnalyzer an meinem Arbeitsplatz auf das Licht, mit dem wir im Labor üblicherweise Internegative belichteten. Zu Hause stellte ich dann die Blende und die Farbfilterung meines eigenen Vergrößerungsgerätes so ein, dass der Analyzer keine Abweichung mehr anzeigte.
Damit hatte ich – zumindest messtechnisch – das Licht aus dem Labor mit nach Hause genommen.
Noch am selben Abend belichtete ich drei Internegative, die ich am nächsten Morgen im Labor entwickelte.
Das Ergebnis sah für mich so aus wie ein Internegativ eben aussieht.
Ziemlich orange.
Ob da irgendetwas kippelte, konnte ich beim besten Willen nicht beurteilen.
Mal hören, was die resolute Laborleiterin meint.
Die nahm meine Negative entgegen, hielt sie gegen die Deckenbeleuchtung und betrachtete sie mit jener Miene, die ich inzwischen kannte.
„Na, schau'n wir mal!“
Dann gab sie meine drei Negative an eine Kollegin weiter, die davon Papierbilder anfertigen sollte.
Und ich begann mich derweil zu fragen, ob das alles wirklich eine clevere Idee gewesen war.
Heilig's Blechle! Warum hatte ich das getan? Musste ich Greenhorn mich unbedingt gleich so weit aus dem Fenster lehnen?
Eine gewisse Nervosität kam auf.
Die war inzwischen voll ausgeprägt, als ich ungefähr eine Stunde später zur Laborleiterin gerufen wurde.
Auf ihrem Schreibtisch lagen meine drei Papierbilder; die hatte sie offenbar bereits eingehend betrachtet.
Ich wartete auf ihren Urteilsspruch.
„Da kippelt nichts, Herr Groß. Respekt!“
Das Ergebnis meines kleinen Versuchs sprach sich auch beim älteren Laborleiter und beim Juniorchef herum.
Eine Kristallkugel brauchte ich offenbar nicht. Fotografische Anwendungstechnik tat's auch.
Geschadet hat mir das nicht.
